Univ. Prof. Dr. Günther Steger über neue Therapiemaßnahmen bei Brustkrebs, die Entwicklungen in der Behandlung mit Antikörpern sowie den Fortschritt, Brustkrebs als systemische Erkrankung zu sehen.

Brustkrebs stellt nicht eine einzige Erkrankung dar, sondern kann durch entsprechende molekularbiologische Charakterisierung heute in zumindest fünf therapierelevante Untergruppen eingeteilt werden: die größte Gruppe mit ca. 60%-70% besteht aus den sogenannten „hormonabhängigen“ Tumoren, d.h. dass diese hauptsächlich durch antihormonelle Therapiemaßnahmen gut behandelbar sind. Bei etwa 15% der Mammakarzinome kann  eine Oberflächenstruktur, das HER2-Molekül nachgewiesen werden, das es erlaubt, diese Tumore auch mit einer immunologischen Antikörpertherapie zu behandeln. Weitere 15%  weisen weder die beiden Hormonrezeptoren für Östrogen und Progesteron, noch die HER2-Rezeptoren auf, weswegen diese Untergruppe als „triple-negativ“ bezeichnet wird. Für die Behandlung dieser Mammakarzinome steht eine Vielzahl an heute meist gut verträglichen Chemotherapeutika zur Verfügung.

Dr. Günther Steger

Univ. Prof.Dr. Günther Steger, Klinische Abteilung für Onkologie, Universitätsklinik für Innere Medizin I, Medizinische Universität Wien (Bild: Maria Gaspar)

Neue Therapieformen bringen Verbesserung

Während der letzten Jahre konnten durch die entsprechenden klinischen Studien vor allem beim HER2-positiven Brustkrebs deutliche therapeutische Fortschritte erzielt werden was die Prognose dieser früher als aggressivste Form des Mammakarzinoms eingestuften Subgruppe massiv verbessert hat. Neben den bereits seit Jahren zur Verfügung stehenden Therapien mit Antikörpern wurde nun ein weiterer Antikörper in das therapeutische Spektrum aufgenommen, dessen Anwendung fast zu einer Verdopplung der Ansprechrate und zu einer signifikanten Verlängerung der Überlebenszeiten bei guter Lebensqualität führt. Mit einem innovativen Antikörper-Chemotherapie-Konjugat steht darüber hinaus nun eine weitere hocheffektive und gut verträgliche Therapieoption zur Verfügung, die hauptsächlich bei fortgeschrittenen Krankheitsstadien eingesetzt wird und die auch dazu beigetragen hat, dass die HER2-positive Brustkrebserkrankung oft „chronifiziert“ werden kann und die betreffenden Patientinnen heute teils über viele Jahre bei guter Lebensqualität behandelt werden können.

Resistenzen verzögern

Für Patientinnen mit hormon-sensitiven Tumoren standen bis vor kurzem zwar einige hocheffektive und relativ nebenwirkungsarme Homontherapeutika zur Verfügung, doch führte die unausweichliche Resistenzentwicklung der Tumorzellen gegen diese Medikamente in der Folge stets zur Notwendigkeit des Einsatzes zytostatischer Chemotherapie. Durch präklinische Erforschung, Charakterisierung und daher zumindest teilweises Verstehen dieser Resistenzmechanismen ist es nun gelungen, Substanzen für die Therapie zu entwickeln, die diese Hormonresistenz der Tumorzellen durchbrechen bzw. deutlich verzögern können. Unlängst wurde eine erste Substanz aus der Klasse der sogenannten CDK4/6-Hemmern in der EU und somit auch in Österreich zugelassen, die mit den meisten der bekannten Antihormontherapeutika kombiniert werden kann und die eine neue und bei vielen Patientinnen hochwirksame Therapieform darstellt. Zwei weitere CDK4/6-Hemmer sind in der klinischen Entwicklung ebenfalls bereits sehr weit fortgeschritten. Neben der hohen Effektivität zeichnen sich diese neuen Medikamente außerdem dadurch aus, dass sie als Kapseln bzw. Tabletten zur Verfügung stehen und in der Regel sehr gut verträglich sind.

Brustkrebs als systemische Erkrankung verstehen

Durch Verbesserung der Früherkennung, Verfeinerung der operativen Möglichkeiten und vor allem durch die Entwicklung immer wirksamerer, da zielgerichteter Medikamente, die auf die Besonderheiten der verschiedenen Brustkrebsarten abgestimmt sind, gelingt es heute ca. 80% der Betroffenen dauerhaft zu heilen. Die Fortschritte in der medikamentösen Therapie beschränken sich jedoch keinesfalls auf die reine Metastasenbehandlung. Der wesentlichste Fortschritt besteht in der Tatsache, dass Brustkrebs in den letzten Jahren als systemische Erkrankung erkannt wurde, die zwar in der Brust ihren Ausgang nimmt, aber prinzipiell den gesamten Körper betrifft. Daher werden die vielfältigen zur Verfügung stehenden medikamentösen Therapiemöglichkeiten vor bzw. nach einer Brustkrebsoperation  vor allem auch zur Verhinderung der Metastasenentwicklung eingesetzt. Die hocheffektiven neuen Substanzen  werden daher natürlich auch in dieser Indikation klinisch geprüft und mit der gesamtösterreichischen Studiengruppe ABCSG (Austrian Breast Cancer Study Group) existiert in unserem Land auch eine Einrichtung, die national und auch international an der raschen Entwicklung und Etablierung dieser innovativen Therapie- und Heilungsmöglichkeiten federführend beteiligt ist.

Autor: Univ.Prof.Dr. Günther Steger
Bilder: © Fotolia | Endlich da – Neugeborenen Fotografie


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