Weltweit erkranken pro Jahr rund 250.000 Kinder an Krebs. In Österreich sind es rund 300. Die onkologische Versorgung ist in Österreich auf einem sehr hohen Niveau. Dennoch ist, insbesondere bei erkrankten Kindern, eine Betreuung in Wohnortnähe wichtig. In Vorarlberg wurde im letzten Jahr daher eine besondere Lösung etabliert. Doch funktioniert sie auch?

Bei 300 Neuerkrankungen im Jahr kann es nicht in jedem Krankenhaus eine/n Kinderonkologin/en geben. Daher haben sich insbesondere die Zentren in Wien, Graz und Innsbruck für die Versorgung von an Krebs erkrankten Kindern in Österreich einen Namen gemacht. Für Familien sollte es daneben in jedem Bundesland ein Krankenhaus mit einer spezialisierten Abteilung für die Nachsorge bzw. für einzelne Therapien geben. Für Vorarlberg geschah dies bis zur Pensionierung des führenden Kinderonkologen in Dornbirn. Weil zu wenig Fachkräfte am Markt sind und die Stelle nicht nachbesetzt werden konnte, muss Vorarlberg derzeit ohne Kinderonkologie auskommen.

Die Elternvertreterin Andrea Tschofen-Netzer fasst die Situation wie folgt zusammen: „Die meisten erkrankten Kinder leben im Umkreis von Dornbirn.  Ohne Onkologen Vorort, müssen die Kinder für die intravenöse Gabe von Zytostatika 200km nach Innsbruck gebracht werden. Was das für ein Kind während einer Chemotherapie, von Schmerzen und Übelkeit geschwächt, bedeutet, ist in Worte kaum zu fassen. Ich darf hier erwähnen, dass wir in Dornbirn eine vor 5 Jahren komplett neu gestaltete Station, mit eigener Be- und Endlüftung, sowie einem hervorragenden Pflegeteam haben.“

Länderübergreifende Kooperation

Im Oktober wurde eine einzigartige Kooperation mit dem Kinderspital St. Gallen ausverhandelt. Nach der Erstdiagnose in Innsbruck können Familien mit einem Kind, das an Leukämie oder einem Lymphom erkrankt ist, wählen, ob sie die Behandlung in Innsbruck fortsetzten oder aber in St. Gallen. Das Krankenhaus Dornbirn bleibt in beiden Fällen die Koordinationsstelle. Kinder mit Fieber oder etwa in Aplasie werden in Dornbirn stationär aufgenommen. Ein Onkologe aus St. Gallen ist bei Bedarf in 20 Minuten in Dornbirn.  Zytostatika werden momentan nur in St. Gallen oder in Innsbruck verabreicht. Punktionsproben aus St. Gallen werden im St. Anna Kinderspital untersucht.

Lösung schien gefunden

Durch die Zusammenarbeit des Landes Vorarlberg, der Stadt Dornbirn sowie dem Krankenhaus St. Gallen und der Elterninitiative #proKinderOnko konnte also eine Lösung gefunden werden, die eine Versorgung der Kinder im nahegelegenen ostschweizer Krankenhaus ermöglicht. Dadurch ist eine längere Fahrt nach Innsbruck nicht mehr nötig. Die Lösung soll aber nur temporär sein, bis ein/e Kinderonkologe/in für Dornbirn gefunden werden kann. Allerdings sind die Elternvertreter mit der Situation derzeit nicht zufrieden, was Andrea Tschofen-Netzer in einem offenen Brief an Bürgermeisterin Andrea Kaufmann kundtat:

Elternvertreterinnen

Die vier Elternvertreterinnen nach der erreichten Lösung im Oktober 2018.

„Plötzlich darf man Neuerkrankten die St. Gallen-Variante nicht als Wahlmöglichkeit nach der Erstdiagnose offerieren. Die vertraglich vereinbarten Sprechstunden würden die Kosten sprengen, obwohl alles aus dem Gesundheitsfond getragen wird. Ärzte aus St. Gallen dürfen kein Konzil bei Kindern durchführen, welche Innsbruck unterstellt sind. Das ist in anderen Bereichen gängige Praxis. Eine Infobroschüre mit dem Verweis auf St. Gallen wurde nicht bewilligt. Die Begründung, dass Innsbruck die nicht wünscht, kann ich so nicht nachvollziehen.“

Umfeld ist wichtig

„Die UN-Kinderrechtskonvention beschreibt in Artikel 3, Abs1: dass bei allen Maßnahmen die Kinder betreffen, das Wohl des Kindes stets vorrangig zu berücksichtigen ist. Es ist das Recht des Kindes auf das Höchstmaß an Gesundheit! Studien belegen, dass schwer kranke Kinder am besten und nachhaltigsten in einem möglichst stressfreien Umfeld in Anwesenheit vertrauter Personen gesunden. Die WHO schreibt im September 2018: Regierungen sollen darin unterstützt werden, qualitativ hochwertige Krebszentren sowie regionale Zweigstellen zu etablieren, die die zeitnahe und angemessene Diagnostik sowie die effektive Behandlung sicherstellen. Familien mit krebskranken Kindern sollen gegen einen krankheitsbedingten finanziellen Ruin sowie die soziale Isolation abgesichert werden.“

„Ich spreche von 11 Neuerkrankten seit Dezember 2018. Wir brauchen dringend einen Onkologen, damit auch alle anderen Kinder die Möglichkeit haben, heimatnah behandelt zu werden und die notwendigen Chemotherapien wieder in Dornbirn verabreicht werden können.“

Für die ärztliche Betreuung von krebskranken Kindern ist sowohl ein onkologisches, wie auch ein pädiatrisches Fachwissen notwendig. Diese Ausbildung braucht Zeit, daher gibt es auch nicht ausreichend Spezialisten in Österreich. Es bleibt aber zu hoffen, dass junge Medizinstudenten sich diesem spannenden Fach vermehrt widmen, um die (kinder-)onkologische Versorgung in Zukunft zu sichern.

Dornbirn sucht Onkologen/in

Die Stadt Dornbirn sucht in der Zwischenzeit nach geeignetem Personal, um die Abteilung im Krankenhaus Dornbirn wieder zu betreiben und die Versorgung für Familien in Vorarlberg zu gewährleisten. Zur aktuellen Situation sagt die Dornbirner Bürgermeisterin Dipl.-Vw. Andrea Kaufmann:

„Diese vertraglich geregelte Zusammenarbeit ist für alle Beteiligten neu. Die Koordination sowie Kommunikation mit den Schnittstellen wird laufend weiterentwickelt. Dieser Prozess wird aktiv begleitet und evaluiert. Wesentlich ist, dass die betroffenen Familien sich – sowohl in Innsbruck wie auch in St. Gallen – gut betreut fühlen.

Wir sind weiterhin intensiv auf der Suche nach Fachärzten für die Kinderonkologie. Dabei setzen wir neben der Ausschreibung auf Online-Plattformen vor allem auf die Möglichkeit der Direktansprache. Parallel arbeiten drei Head-Hunter Agenturen an der Rekrutierung. Fakt ist, es gibt sehr wenig ausgebildete Kinder-Onkologen in Österreich und diese arbeiten vorwiegend in den drei Zentren Österreichs, die zurzeit auch selbst auf der Suche sind. Eine oder einen dieser Experten nach Dornbirn zu holen, ist sehr schwer und wird durch öffentliche Diskussionen nicht erleichtert.

Als Stadt tragen wir Verantwortung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich täglich der Herausforderung stellen, eine bestmögliche medizinische wie pflegerische Versorgung bieten zu können. Wir möchten unsere Abteilung stärken, damit sich das Team auf seine Arbeit konzentrieren kann.“

Autorin: Sarah Wenk
Bilder: Adobe Stock | ZVG


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