Sobald das Wort „palliativ“ fällt, stellen sich viele betroffene Menschen angsterfüllte Fragen: Muss ich nun sterben? Wie lange habe ich noch? Im folgenden Beitrag erhalten Sie einen Überblick, was Palliative Care für Krebspatienten wirklich bedeutet.

Palliativbetreuung oder Palliative Care?

Das Wort „palliativ“ kommt aus dem Lateinischen. Es umfasst die Bedeutungen lindernd, schützend, umhüllend. Das englische „Care“ ist wesentlich weiter gefasst, als Betreuung oder Versorgung: es drückt Aspekte von Fürsorge, Pflege und Beziehung aus. Obwohl vor allem in Deutschland häufig noch von reiner Palliativmedizin gesprochen wird, setzt sich der Begriff „Palliative Care“ immer mehr durch. Mit Hilfe eines multiprofessionellen Teams werden Lebensqualität und Selbstbestimmung des Menschen in seinem letzten Lebensabschnitt – wir reden hier von Wochen, Monaten, manchmal auch Jahren – radikal in den Mittelpunkt der Begleitung gestellt.

Dies geschieht durch Prävention und Linderung von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, Einschätzen und Behandeln von Schmerzen und anderen physischen, psychosozialen und spirituellen Problemen. (Vgl. Definitionen WHO 2002, IAHPC 2018)

Hilde Kössler, Vizepräsidentin Österreichische Palliativgesellschaft

Hilde Kössler, MMSc. ist 2. Vizepräsidentin der Österreichischen Palliativgesellschaft und Lehrbeauftragte für Palliativpflege

Wie können Palliativpatienten von dieser Form der Betreuung profitieren?

Jedem Menschen soll die Möglichkeit gegeben werden, seinen letzten Lebensabschnitt weitgehend selbstbestimmt und in Würde zu verbringen. Immer noch werden Patienten mit der Auskunft aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen: „Sie sind austherapiert“ oder „Wir können nichts mehr für Sie tun“. Sie stehen dann mit ihren körperlichen Leiden, ihren existentiellen Ängsten und seelischen Schmerzen weitgehend alleine da. Wird Heilung unrealistisch, müssen Therapieziele und Lebensgestaltung an die geänderte Situation angepasst werden. Dies kann auch bedeuten, dass Sterben und Abschied absehbar werden und dementsprechende Vorkehrungen zu treffen sind: was ist nun für mich und meine Angehörigen (lebens)wichtig.

Medizinisch und pflegerisch heißt dies, dass körperliches Leiden gelindert und Komplikationen vorgebeugt wird. Sogenanntes ACP (advance care planning) sieht vor, dass man der Krankheit, wenn möglich, immer einen Schritt voraus ist, um Krisensituationen zu vermeiden. Oft treten psychosoziale Aspekte in den Vordergrund: das Ansprechen von Ängsten des Patienten sowie Sorgen seiner Angehörigen. Häufig müssen auch Lösungen für finanzielle und organisatorische Probleme gefunden werden. Auf seelische Bedürfnisse wird eingegangen: die Annahme des bisherigen Lebens, aber auch des Abschieds von diesem Leben, sodass ein friedliches Sterben möglich wird.

Warum ist Palliative Care auch für Angehörige/Familien wichtig?

Schwere Krankheit und Sterben sind immer mit schmerzhaften Fragen von Lebenssinn, Abschied und Trauer verbunden. Menschen leben in Beziehungen, und wenn ein Teil dabei an und über die Grenzen der Belastbarkeit kommt, hat dies Auswirkungen auf das gesamte System. Existentielle Angst wird durch Gefühle der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins verstärkt. Erfahren Menschen – Patienten wie Angehörige – Hilfe in der Symptombekämpfung und Krisenvorsorge, werden sie ermächtigt, sich selbst bzw. ihren Lieben zu helfen. Durch die Stabilisierung des Umfelds kann die Sorge vor Würde- und Kontrollverlust nachlassen, und Leben möglich werden.

Angehörige werden auf Zeichen des voraussichtlichen Sterbeverlaufes vorbereitet. Sie erfahren, wie sie vermeidbares Leiden erkennen und lindern können, wenn der Sterbende sich nicht mehr ausdrücken kann. Auch wenn dieser Lebensabschnitt von großer Trauer geprägt ist, bedeutet ein Begleiten aus dem Leben oft, dass die Angst vor dem eigenen Sterben gemindert und ein Weiterleben leichter möglich wird.

Leben Menschen unter Palliativbetreuung nicht nur besser sondern oft auch länger?

Studien geben Hinweise darauf, dass nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Lebensdauer durch frühzeitig einsetzende palliative Betreuung gesteigert wird. Im Krankheitsverlauf sind immer wieder Entscheidungen über das Ausmaß medizinischer Interventionen zu treffen. Um zu wissen, was dieser Mensch braucht, muss mit ihm geredet, ihm zugehört und immer wieder versichert werden, dass seine Wünsche respektiert werden. Spezielle Symptomtherapie stärkt den Körper, die Vernetzung aller Versorgungsstrukturen und das Einbeziehen der Angehörigen geben Sicherheit und die Möglichkeit, Kraft zu schöpfen.

Wird ein achtsamer, verstehender Dialog über Prognose, Ängste und Therapieziele mit Erfahrung und Einfühlungsvermögen geführt, entstehen Vertrauen und Sicherheit.  Diese wiederum führen zu einem weniger von Symptomen und Angst belasteten Sterbeverlauf.

Weitere Informationen zur Palliaitve Care und zur Autorin finden Sie auf www.hildekoessler.at

Autorin: Hilde Kössler, MMSc.
Bilder: Adobe Stock | ZVG

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