Durch besseres Vorsorgebewusstsein bei Männern könnte das Risiko an Prostatakrebs zu sterben, gesenkt werden. Wie man Vorsorgemuffel motivieren kann und wie Behandlung und Lebensqualität  heute aussehen, verrät Prof. Dr. Shariat, Leiter der Uniklinik für Urologie an der Medizinischen Universität Wien.

Prostatakrebs ist die häufigste Krebsart bei Männern. Wie hoch ist das Risiko, an dieser Krebsart zu erkranken?

Laut Statistik Austria sind 2014 4499 Männer neu an Prostatakrebs erkrankt, die Gesamtzahl der an Prostatakrebs erkrankten Männer in Österreich betrug zum 31.12.2014  59.584. Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass bei mehr als jedem zehnten Mann im Laufe des Lebens die Diagnose Prostatakrebs gestellt wird.

Welche Symptome sind für Prostatakrebs typisch? Wie wird der Krebs diagnostiziert?

Das gefährliche am Prostatakrebs ist, dass er im frühen Stadium, wo eine Heilung in den meisten Fällen sehr gut möglich ist, keinerlei Beschwerden macht.

Prof. Dr. Shariat

Univ. Prof. Dr. Shahrokh Shariat, Leiter der Universitätsklinik für Urologie, AKH Wien (Foto: MedUni Wien/F. Matern)

Denn die typischen „Prostatabeschwerden“ beim Wasserlassen wie schwacher Strahl oder häufiges nächtliches Wasserlassen werden in der Regel von einer gutartigen Vergrößerung der Prostata verursacht. Erst in einem fortgeschrittenen Stadium kann ein Prostatakrebs ebenfalls zu Beschwerden beim Wasserlassen führen. Auch neu aufgetretene Knochenschmerzen sind ein spätes Beschwerdebild beim bereits metastasierten Prostatakrebs.

Die Diagnose eines Prostatakrebses wird auch heute ausschließlich über eine Entnahme von feinen Gewebeproben aus der Prostata, einer sogenannten Prostatabiopsie, gestellt. Die Notwendigkeit einer Biopsie ergibt sich entweder aus einem auffälligen Tastbefund im Rahmen der rektalen Untersuchung der Prostata oder einem erhöhtem Blutwert, dem PSA-Wert. Die Biopsie selbst wird entweder in lokaler Betäubung durch den Enddarm oder in kurzer Narkose durch den Damm durchgeführt.

Wie sieht die Behandlung von Prostatakrebs heute aus?

Grundsätzlich ist bei der Behandlung eines Prostatakrebses zwischen einem auf die Prostata begrenzten Tumor und einem bereits metastasierten Tumor zu unterscheiden.

Liegt ein auf die Prostata begrenzter Tumor vor, ist eine Heilung in den meisten Fällen möglich. Ist der Krebs wenig aggressiv und ist nur ein kleiner Anteil der Prostata betroffen, so ist eine aktive Überwachung heute oftmals Therapie der Wahl. Aktive Überwachung bedeutet, dass der Patient regelmäßige Kontrollen und in größeren Zeitabständen Biopsien erhält. Sollte sich zeigen, dass der Krebs aggressiver wird, ist eine aktive Therapie im Sinne einer Operation oder Bestrahlung empfohlen. Bleibt der Krebs jedoch wenig aggressiv, kann auf ein aktives Vorgehen verzichtet werden.

Liegt  ein aggressiverer, auf die Prostata begrenzter Tumor vor, so ist die operative Entfernung der Prostata oder eine Bestrahlung notwendig. Bei der Operation hat sich in den letzten 10 Jahren vor allem die minimal-invasive Entfernung der Prostata mit Hilfe eines Operationsroboters etabliert. Allerdings ist der Erfolg der Operation nicht von der Technik, sondern von der Erfahrung des Operateurs abhängig. Bei der Bestrahlung können durch verbesserte Bildgebung präzisere Bereiche bestrahlt werden.

Liegt dagegen ein bereits metastasierter Prostatakrebs vor, wird heute in den meisten Fällen neben dem notwendigen Entzug des Testosterons, also des männlichen Geschlechtshormons, auch eine Chemotherapie verabreicht. Zusätzlich erfolgt eine Therapie zur Stärkung der Knochen. Im Verlauf einer metastasierten Erkrankung entwickelt sich das Prostatakarzinom dann in ein Stadium, in dem ein Hormonentzug alleine nicht ausreicht. In diesem Stadium stehen uns mittlerweile sehr wirksame und verträgliche Medikamente zu Verfügung.

Welche Begleitmaßnahmen können Sie empfehlen?

Allgemeine Begleitmaßnahmen beinhalten eine abwechslungsreiche Ernährung, das Streben nach einem gesunden Gewicht, regelmäßige körperliche Aktivität sowie der Verzicht auf Rauchen und ein verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol.

Wie können Ihrer Meinung nach Freunde und Familie mit in den Heilungsprozess eingebunden werden?

Die Diagnose Prostatakrebs ist oftmals ein  großer  Schock und mit existentiellen Sorgen verbunden. In dieser Situation spielen Familie und Freunden eine wichtige Rolle, um einen sozialen Rückzug des Patienten zu vermeiden. Zusätzlich sind für die Betroffenen ein offenes Ohr und Gespräche extrem hilfreich. Besteht eine längerdauernde psychische Belastung für den Betroffenen und sein Umfeld, sollte jedoch auf professionelle Hilfe zurückgegriffen werden.

Wie sehen Sie die aktuelle Lebensqualität von Patienten mit Prostatakrebs?

Auch wenn in den letzten Jahren deutliche Verbesserungen in der Therapie des Prostatakrebses erzielt wurden, ist Lebensqualität immer noch ein Aspekt, der sicher verbesserungswürdig ist. So ist das Risiko eines ausgeprägten Harnverlusts nach Operation zwar gering, kann jedoch nicht zu 100% ausgeschlossen werden. Auch eine Einschränkung der Erektion tritt oftmals auf. Zusätzlich wird bisher die Lebensqualität von Patienten nach Prostatakrebsbehandlung in Österreich nicht systematisch erfasst, was eine genaue Analyse und Verbesserung erschwert. Aus diesem Grund nimmt die Urologische Klinik der Medizinischen Universität Wien am AKH als einzige Klinik Österreichs an einem internationalen Projekt zu Messung der Lebensqualität bei Patienten nach Prostatakrebs-Therapie teil. Mit Hilfe von Fragebögen wird die Lebensqualität der Patienten nach Operation erfasst, ausgewertet und somit auch Verbesserungsmöglichkeiten erarbeitet.

Sind Sie mit dem medizinischen Fortschritt zufrieden? Können Sie einen kleinen Einblick in die aktuelle Entwicklung der Therapien geben?

Da Zufriedenheit oftmals zu Trägheit führen kann, sollte man sich natürlich nie mit dem medizinischen Fortschritt zufrieden geben. Allerdings ist die Entwicklung insgesamt sehr positiv. Aktuell spielen unserer Ansicht nach folgende Themen eine bedeutende Rolle: zum einen die verbesserte Bildgebung mittels MRT und der somit gegebenen Möglichkeit der zielgerichteten Biopsie der Prostata (Fusionsbiopsie). Des Weiteren die sogenannte fokale Therapie der Prostata, bei welcher nur der Bereich der Prostata behandelt wird, der  von einem lokalisierten Prostatakrebs betroffen ist. Und zuletzt die Entwicklung neuer Marker beim metastasierten Prostatakrebs, welche uns in Zukunft erlauben könnten, individualisierte Therapieentscheidungen zu treffen.

 Ab wann sollten Männer zur Prostatakrebs-Vorsorge gehen?

Die aktuellen Empfehlungen raten Männern ab dem 45. Lebensjahr zur Vorsorgeuntersuchung. Männer mit einem erhöhten Risiko, das sind Männer deren Brüder oder Väter an Prostatakrebs erkrankt sind, sollten mit der Vorsorge spätestens ab dem 40. Lebensjahr beginnen. Das Intervall der nachfolgenden Untersuchung hängt vom PSA-Wert ab und beträgt 1 bis 4 Jahre. Männern mit ausgeprägten Begleiterkrankungen und einer statistischen Lebenserwartung unter 10 Jahren wird dagegen von einer Vorsorge abgeraten.

Wie kann man Männern, die ja bekanntermaßen eher Vorsorgemuffel sind, die Angst vor einer Vorsorgeuntersuchung nehmen?

Ein wichtiger Aspekt ist sicherlich die wissenschaftliche Erkenntnis, dass durch die Vorsorge das Risiko, an Prostatakrebs zu versterben, deutlich gesenkt werden kann. In einfachen Worten: Die Vorsorge ist absolut sinnvoll. Leider gab es in den letzten Jahren auf Grund widersprüchlicher Studienergebnisse sehr viel Verwirrung und Unklarheit bezüglich der Sinnhaftigkeit der Prostatavorsorge mittels PSA-Wert Bestimmung. Mittlerweile konnte jedoch gezeigt werden, dass nur die Studien wissenschaftlich Bestand haben, in denen ein Nutzen der Vorsorge nachgewiesen werden konnte. Daher gibt es nach unserer Überzeugung keinen Grund mehr, Männern, die von einer Vorsorge profitieren, davon abzuraten.

Zusätzlich sollte mit den Mythen, die den Besuch beim Urologen umgeben, aufgeräumt werden. Die Prostatavorsorge steht aus der Bestimmung des PSA-Werts im Blut und der rektalen Tastuntersuchung. Diese kann zwar gelegentlich etwas unangenehm sein, jedoch nicht schmerzhaft.

Bei Fragen zum Thema Prostatakrebs steht Ihnen Dr. Malte Rieken gerne zur Verfügung: Sie erreichen ihn per Mail: malte.rieken@meduniwien.ac.at

Autor: Prof. Dr. Shahrokh Shariat, mit Unterstützung von Dr. Malte Rieken
Bilder: © Fotolia | MedUni Wien, F. Matern


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